Der Warenhäusler

Mist.

Der Kaffee ist schon wieder alle!

Also gut, Schlappen an und runter in die Lebensmittelabteilung.
Hätte er auch gestern dran denken können, als er die Sachen für’s Abendessen geholt hatte…

4 Rolltreppen oder den Lift?
Der Lift war ganz am anderen Ende der Etage und irgendwie muffig.
Also die Rolltreppen.
Sie liefen beim Betreten automatisch los und zerbrachen die bis dahin fast unangetastete Stille. Im menschenleeren Kaufhaus klang das irgendwie gespenstisch, aber er hatte sich – fast – daran gewöhnt.

Parterre,
Lebensmittelabteilung,
Kaffee und Tee.
Am Regal konnte man schon deutlich seine Vorlieben sehen…
Marmelade war auch alle gewesen.
Schottische Orangenkonfitüre?
Oder doch lieber Erdbeer?
Und Honig, Kleehonig!
Tolle Farbe und Konsistenz…
Eigentlich komisch, dass Klee so eine eigene Honigsorte ergab. Als Pflanze war Klee ja recht schlicht. Obwohl die vielen kleinen Blütenkelche beim näheren Hinschauen…
Einmal hatte er Heidehonig gesehen, der war ganz tief dunkel orange. Er hatte gleich ein Glas gekauft, einfach weil die Farbe so unglaublich war.

Immer noch ein komisches Gefühl mit vollem Einkaufskorb durch die Kassenreihe zu laufen ohne zu zahlen.
Wie tief das saß.
Aber das Anstehen fehlte ihm nicht wirklich.

Wieder oben angekommen lag seine Frühstücksecke im Sonnenschein.

Früher war es schwierig gewesen, am Fenster zum Alexanderplatz einen freien Tisch zu finden. Touristen, Angestellte in der Mittagspause, People on a shopping spree an der Spree, Rentner – für die Kaufhausrestaurants schon immer besonders attraktiv zu sein schienen – alle saßen am liebsten direkt an den Fenstern mit ihrem wunderbaren Blick.
Riesenameisenartig, dabei aufgerichtet, wuselte das Leben über den Platz. Touristengruppen – mehr oder weniger aufmerksam dem Führer folgend, lauschend – Verabredungen sich treffend an der Weltzeituhr, Musiker mit Gitarre und Batterieverstärker alte Folksongs singend, Peruaner Querflötenfolklore blasend.
Um den hässlichsten Brunnen der Stadt und sein brackig versifftes Wasser saßen Touris, Schüler, Punks, Straßenkids, aßen Burger, Stullen, belegte Brote, Bratwurst, Eiscreme, studierten Karten, Stadtführer, erzählten ihren Kindern Geschichten, fotografierten, schlossen Fahrräder ab oder auf, alte Männer sannen über die Veränderung der Stadt, Filmcrews sprachen Passanten an – kurze Antworten zu Tagesthemen bitte, drehten Studentenfilme, Erinnerungsvideos für die Daheimgebliebenen in Japan, China, Indien, Spanien, Amerika, England, Saudi-Arabien… , Obdachlose verkauften die “Motz”, den “Straßenfeger”, Kerzen, Gedichte, Schlüsselanhänger, eine Bierkutsche mit stämmig zotteligen Kaltblütern fuhr Touristen gemächlich und überdacht über den Platz, Tauben, Spatzen, Möwen und Krähen stritten sich um die Reste des Menschen-Auflaufs.
Von oben herab beobachteten Sie das Treiben, Ausschau haltend nach genießbarem.
Straßenbahnen im Schritttempo überquerten, was für ihn der gesichtsloseste Platz der Stadt war.

Der Sänger unten machte jetzt Pause, sammelte das Verdiente ein, befeuchtete die vom Singen trockene Kehle, gönnte sich einen Moment Ruhe bevor es weiterging mit seinen Best-of’s.

Die meisten Stühle und Tische des früheren Restaurants hatte er in einen Lagerraum verfrachtet, nur in dieser Ecke ließ er einige stehen und darum herum war mit der Zeit eine gemütliche Küche entstanden in der man wunderbar sitzen und den Tag beginnen und beenden konnte.
Beim Streifen durch die Abteilungen hatte er viel Brauchbares gefunden: Eine Brotbackmaschine, Gardinen für die hohen, aber wenig eleganten Fenster, schönes Geschirr, eine tolle Espressomaschine, wie er sie sich schon immer gewünscht hatte, eine Küchenmaschine – die Küche war schon immer sein liebster Raum gewesen und hier konnte er alles ausprobieren was er sonst nur von weitem betrachtet hatte.

Unten auf dem Platz gab es Zoff bei den Punks, ihre Hundemeute drehte durch, Ordnungshüter eilten herbei, Passanten flüchteten, Touristen waren fasziniert und filmten gierig die eigenartigen Deutschen.

Er war froh um die Ruhe hier oben wo solche Dinge nur ganz leise zu hören waren.
Es war eine verdammt privilegierte Position die er nun hatte.

Das erste Mal in seinem Leben fühlte er sich rundum wohl.

Nur ganz selten verließ er das Kaufhaus um frische Lebensmittel einzukaufen. Alle anderen Vorräte würden wohl noch ein paar Jahre reichen, wenn er es mit dem “Best Before” nicht so genau nahm. Manches hatte er in groteskem Überfluss und würde nie in der Lage sein es zu verbrauchen, bei anderem konnte man ein Ende schon absehen.

Nach dem Frühstück würde er skaten gehen.
Die Sportabteilung im 4.Stock hatte schon früher eine Testbahn rund um die Etage für Skater angeboten, er hatte noch mehr Platz geschaffen und sich ein paar Rampen aus alten Regalen gebaut. Jetzt hatte er vermutlich die beste Indoor-Skaterbahn von ganz Berlin für sich alleine.

Das war das beste an seinem neuen Leben. Berlin war mittlerweile einfach zu voll. Der einzelne hatte kaum mehr Luft zum Atmen, Einsamkeit wurde zum Luxus, obwohl zur gleichen Zeit so viele Menschen über Einsamkeit klagten.
Die Stadt übersättigte schon beim Weg zur Arbeit das Bedürfnis der meisten Leute nach Gesellschaft. Vermutlich fuhren deshalb so viele jeden Tag mit dem Auto durch die Stadt, obwohl das eigentlich total idiotisch war. Aber es ersparte ihnen sowohl die vollen S- und Straßenbahnen, das nicht-wissen-wo-hinschauen in der U-bahn – und die Irren.

Große Städte gebären Irre aus ihren geschwollenen Leibern wie Ameisenköniginnen Eier legen.
Klassisch laut vor sich hinbrabbelnde Orientierungs- oder Obdachlose – zunehmend von Handybesitzern unter massivem Mitteilungsdruck verdrängt, nölige, über- oder untermotivierte Verkäufer von Straßenzeitungen, ewig die Goldelsen dieser Welt suchende Touristen, den Skatclub “Stramme Katzen” aus Ludwigsburg – merkwürdig erlebnisgeile, geschmacksarm aufgetakelte Frauen mittleren Alters gemischter Leibesfülle, “drässed to kill, gell” – oder Kalle, der schon länger keine Wohnung mehr hat, seine Mutter ist Alkoholikerin, seine Frau hat Aids, seine 8 Kinder keine Playstation – ob man wohl mal ‘nen Euro hätte? Fußballfans in voller Kriegsbeschalung, grauenhaft schlechte Ziehharmonikaspieler die ihr Geld mit der Hoffnung der Spender auf ein Ende der Misere verdienen, klassisch Berliner Prototussis und ihre Kens laut über nichts proletend, Rubberdoll- und Macho-Hormone verströmend.
Je nach Bezirk kommen die jeweiligen örtlichen Mehr- oder Minderheiten zum Tragen. Burka oder Kopftuchtragende Muslima und ihre irgendwie urtümlich, wie aus einem Ethno-Film wirkenden männlichen Gegenstücke. Während die modernen jungen TürkInnen dieses Bild mit oversexed- und overaggressivem Auftreten konterkarieren. Asiaten wirken dagegen eher unscheinbar und freundlich, automatisch integriert durch Unauffälligkeit. Vielleicht auch einfach an Menschenmengen gewohnt und geübt im Bei-Sich bleiben.
Mittlerweile hörte man auch sehr viel britisches Englisch, Italienisch, Spanisch, you name it – im Verhältnis zu London und anderen Großstädten war Berlin ja weiterhin billig.
Noch.
Und weitläufiger, nicht so eng und überorganisiert.
Noch.

Ja, er hatte es fantastisch getroffen.
Wenn er heutzutage raus ging, konnte er das Getriebe genießen.
Er fand die Leute die ihm früher so auf den Geist gegangen waren nun eher unterhaltsam.

Der Kaffee war fertig, das noch warme Brot aus der Brotbackmaschine duftete, Butter, Marmelade, Honig und Sonnenschein.

Ein guter Tag.

 

Thomas Helzle 2014

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